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Grundkurs für strategisches Trampen

Angesichts steigender Fahrkarten- und Benzinpreise stellt sich für viele, denen das nötige Geld fehlt oder die ganz bewusst ein selbstorganisiertes Leben ohne Job führen, die Frage nach alternativen Möglichkeiten, um komfortabel und erfolgreich von A nach B zu kommen. Eine dieser Möglichkeiten ist das Trampen, d.h. per Anhalter mit Leuten mitzufahren, die über ein Auto verfügen oder ein nicht voll ausgeschöpftes Wochenendticket. Gute Vorbereitung, freundliches Auftreten und Improvisationsgeschick – das ist neben glücklichen Zufällen wichtig, damit das Trampen gelingt und Spaß macht.

Dieser Text soll Erfahrungen, Tipps und Ideen weiter geben an alle, die das Trampen perfektionieren wollen oder gerade überlegen, damit anzufangen. Grundlage dafür sind gesammelte Erfahrungen und eine Stichwortsammlung eines Tramp-Workshops auf dem Jugendumweltkongress in Magdeburg, die inzwischen erweitert wurden.

Planung und Strategie

Natürlich kannst du dich auch einfach aufmachen und darauf hoffen, dass es schon irgendwie klappt. Allerdings dürfte es wesentlich entspannender sein, wenn deine Reise von einer guten Planung im Vorfeld unterstützt wird. Auf der Autobahn ist es eher schwieriger, Bahnverbindungen oder gute Absetzpunkte herauszufinden. Im folgenden sind einige Aspekte einer guten Vorbereitung angedeutet.

Das geeignete Fortbewegungsmittel

Unter der Woche ist das Trampen per Auto natürlich unschlagbar – Wochenenden können auch okay sein, allerdings sind dann oft weniger Geschäftsreisende und mehr familiäre Zusammenhänge mit vollen Autos unterwegs. Daher ist zu überlegen, ob es nicht einfacher ist, Bahn zu trampen, da viele Leute das Wochenendticket nutzen (gültig für bis zu 5 Leute und Schienen-Nahverkehr: RB, RE usw.). Insbesondere beliebte Wochenendticketstrecken (z.B. Frankfurt-Berlin) bieten Samstags und Sonntags beste Mitnahmechancen. Hilfreich kann manchmal auch sein, sich über Mitfahrgelegenheit & Co eine passende Mitfahrgelegenheit zu suchen, um ein sonst schwieriges Teilstück (z.B. zu einer sonst schwer erreichbaren Autobahn-Raststätte) zu schaffen oder die ganze Strecke schnell und ohne Umsteigen zu reisen. Manchmal kann auch ein Mix aus Bahntrampen, ÖPNV und Trampen per Auto sinnvoll sein.

Wichtig ist immer, sich diese Möglichkeiten bewusst zu machen, um flexibel und spontan entscheiden zu können. Die beste Planung ersetzt Improvisation und situationsbezogenes Handeln nicht – und umgekehrt!

Der richtige Start- und Endpunkt für Autotramper

Besonders gut als Startpunkt geeignet sind mittlere bis größere Autobahnraststätten mit Tankstelle. Wo eine Tankstelle existiert, können Autofahrer direkt angesprochen werden. Reine Raststätten sind eher nicht so optimal, da viele Leute dort länger pausieren und tendenziell eher Familien hier absteigen. Ebenfalls wenig empfehlenswert sind Autohöfe, die gar nicht mehr selbst an der Autobahn liegen. In einigen Städten gibt es auch gute Erfahrungen mit Tankstellen an Ausfallstraßen bzw. Autobahnzubringern – mit dem Vorteil, dass diese nicht außerhalb der Stadt liegen.

Beim grenzüberschreitenden Trampen kann es lohnenswert sein, Unterschiede bei Benzinpreisen in die eigenen Überlegungen einzubeziehen. Bei entsprechendem Preisgefälle werden Tankstellen vor Ländergrenzen sehr gut von Leuten frequentiert, die noch lange Distanzen vor sich haben. In einigen größeren Städten sind auch Tankstellen in direkter Nähe der gewünschten Autobahnauffahrt.

Der Weg zum Startpunkt

Sowohl der Start- als auch Endpunkt sind für eine erfolgreiche Tramptour in der Regel sehr wichtig. Deshalb empfiehlt sich eine strategische Vorplanung deiner Reise – damit du angenehm und ohne allzu viel Stress von A nach B kommst! Das bedeutet vor allem herauszufinden, ob Start- und Endpunkt an den ÖPNV angebunden sind usw. Viele Autobahnraststätten sind über öffentliche Verkehrsmittel (Bus, Bahn, S-Bahn usw.) zu erreichen oder liegen in der Nähe von per ÖPNV erreichbaren Ortschaften.

Die Anreise zur Tankstelle oder Raststätte mit Bahn, Bus und/oder zu Fuß ist gar nicht so schwer zu planen: Bei den üblichen Online-Kartendiensten gibt es sehr präzise Karten mit Autobahnraststätten. Mit derAusschnittsvergrößerung lässt sich herausfinden, welche Orte, Straßen, Bahnhöfe oder andere interessante Stellen in der Nähe liegen. Über www.reiseauskunft.bahn.de lassen sich auch Straßen als Endpunkte angeben. Mit etwas Geduld und Mühe lassen sich fast immer passende Verbindungen finden.

Sinnvoll ist, die herausgefunden Informationen zu sammeln und sich entsprechende Notizen auf der obligatorischen Straßenkarte zu machen. Und natürlich wäre es super, wenn du dein Wissen in das Tramper-Wiki unter hitchwiki.org einbaust, wo eine offene Liste mit guten Trampstellen plus Anreiseweg entsteht. Und wahrscheinlich findest du dort selbst auch Informationen, die dir helfen und dir die Mühe ersparen, alles neu herausfinden zu müssen.

Die optimale Ausstattung

Zur Grundausrüstung gehört eine gute Karte mit Raststätten, Tankstellen und eigenen Notizen, außerdem Unterlagen zu den Start- und Endpunkten und wie Mensch sich von dort aus weiter bewegen kann. Wenn du unbedingt Schilder benutzen willst, solltest du Pappe, Stift und Kreppband dabei haben.

Wichtig ist, sich so vorzubereiten, dass keine Abhängigkeiten entstehen können – dazu gehört: genügend Geld (falls es irgendwann nicht weiter geht und du auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen willst), Essen und Trinken sowie warme Kleidung. Auch ein Adressbuch kann helfen, wenn du irgendwo hängen bleibst und einen Schlafplatz suchst.

Bei längeren Reisen kann es sinnvoll sein, Ausrüstung zum Zelten mitzunehmen. Bei Reisen jenseits von Deutschland sind natürlich Fremdsprachkenntnisse sehr sinnvoll.

„Fährst du zufällig nach …“ oder: Wie werde ich mitgenommen?

Trampen auf Autobahnraststätten oder Tankstellen

Angeblich soll helle Kleidung gut sein – aber logisch, in kompletter, schwarzer Montur aufzutreten erweckt nicht unbedingt das Vertrauen anderer. Aber du musst dich auch nicht verdrehen, um anderen zu gefallen. Wichtiger als äußere Erscheinung ist es, selbstbewusst, freundlich und kommunikativ aufzutreten. Wer das Gespräch mit einem ungewöhnlichen Einstieg beginnt oder auch ein „Nein“ witzig-freundlich kommentiert, erhöht die Chancen, mitgenommen zu werden. Eine selbstsichere, freche Erscheinung ist außerdem auch ein vorbeugender Schutz (natürlich kein absoluter!) vor ungewollten Anmachen oder Übergriffen.

In jedem Fall spielt der erste Eindruck eine wichtige Rolle, schließlich muss dein Gegenüber in wenigen Sekunden ein Bild von dir formen. Die optimalste Variante ist, direkt an der Tankstelle alle möglichen Leute zu fragen. Wer Schilder benutzt oder irgendwo an einer Auffahrt steht, erreicht nur diejenigen, die von sich aus anhalten oder nachfragen und vergibt somit Möglichkeiten, selbst die Kommunikation aufzunehmen. Das direkte Fragen ist vielleicht für manche gewöhnungsbedürftig, aber erfolgsversprechender als das Hoffen darauf, dass irgendwer schon anhält. Hier ein paar kurze Tipps dazu:

  • Es ist gut, bereits beim Tankvorgang zu fragen. Dein Gegenüber hat dann mehr Zeit zum Überlegen oder zum Umsortieren von Gepäck. Es passiert gar nicht so selten, dass aus „Hmmm, weiß nicht“ noch ein „Ja“ wird.
  • Den umgekehrten Fall gibt es leider auch, d.h. bis zur tatsächlichen Abreise einfach weiter fragen, statt sich nachher zu ärgern, weil irgendwer es sich noch anders überlegt hat.
  • Kennzeichen müssen nichts bedeuten – es kann eigentlich nie schaden, alle Leute zu fragen und sich nicht selbst zu beschränken. Wenn du wen doof findest, kannst du immer noch entscheiden, nicht mitzufahren.
  • Wenn du keinen Erfolg damit hast, Leute für dein eigentliches Ziel zu finden: einfach nach kurzen Distanzen zu fragen (z.B. zur nächsten Raststätte) kann die Mitnahmechance erhöhen.
  • Wer wie ein „klassisches“ Pärchen aussieht (dazu muss Mensch es nicht sein), hat angeblich höhere Chancen, mitgenommen zu werden.
  • Wenn du unbedingt Schilder benutzen willst: präzise und gut erkennbar sollte, kreativ darf es sein.
Vor der Abfahrt

Grundsätzlich solltest du immer einen guten Überblick haben, an welchen Punkten der Strecke sich Tank- und Raststätten befinden und nicht darauf hoffen, dass die Autofahrer schon irgendwie darauf achten, dass die passende Stelle angesteuert wird. Um unangenehmen Überraschungen vorzubeugen ist es sinnvoll, vor der Abfahrt präzise darüber kommunizieren, wo genau das Auto hinfährt, manchmal stellt sich dann doch noch heraus, dass die Person eine Abfahrt zu früh raus fährt oder in eine für dich falsche Richtung wechselt. Aufgrund von Navigationssysteme wissen immer mehr Autofahrer gar nicht mehr genau, über welche Strecke sie zu ihrem Zielort gelangen.

Während der Fahrt

Klar, manchmal hat man keine Lust zu reden oder ist zu fertig. Aber grundsätzlich hat es neben dem reinen Zeitvertreib viele Vorteile, sich während der Fahrt zu unterhalten: Gespräche mit „schrägen“ oder etablierten Leuten können spannend sein, gerade weil für kurze Zeit sehr unterschiedliche Lebenswelten aufeinander treffen. Oft ergeben Gespräche zudem neue Handlungsmöglichkeiten, z.B. dass du weiter mitgenommen wirst als anfangs verabredet, du einen Schlafplatz in einer anderen Stadt findest usw.

Wichtig ist dennoch, auf dem eigenen Plan zu bestehen, wie du dich fortbewegst. Du entscheidest, was sinnvoll ist, um dein Ziel zu erreichen.

Trampen auf Bahnhöfen

Grundsätzlich ist das Bahntrampen einfacher, da Züge deutlich offener und anonymer sind als ein Auto und daher die Schwelle niedriger ist, andere mitzunehmen. Wenn du per Zug trampen willst, solltest du einfach am Gleis fragen, ob Leute mit Wochenendticket unterwegs sind. Falls Schaffner dort zugegen sind, kann das Bemühen um Unauffälligkeit helfen, weil es manche gibt, die nachher auf Stress aus sind und die Fahrgemeinschaft nicht anerkennen. Wenn du lange Wartezeit hast und es nicht zu früh ist, kann es sinnvoll sein, vor dem Bahnhof zu fragen, ob dir irgendwer ein nicht mehr gebrauchtes Wochenendticket schenkt.

Erfahrungsaustausch organisieren!

All diese Tipps spiegeln nur einen Ausschnitt aus Tramp-Erfahrungen wider, die gesammelt und ausgewertet wurden. Vieles ist verbesserbar, manches vielleicht schon morgen völliger Unsinn. Deshalb ist es wichtig, ein kontinuierlichen Erfahrungsaustausch zu organisieren, auch unabhängig von persönlichen Netzwerken, die nur eine begrenzte Transparenz ermöglichen.

Ein Baustein ist dieser Text – ein anderer das Tramper-Wiki (hitchwiki.org). Auf dieser Webseite können alle Menschen ihre Informationen über gute Tramp-Start- bzw. Endpunkte eingeben und beschreiben und wie diese per ÖPNV oder sonstigen Fortbewegungsmitteln erreichbar sind.

 

Nach: ESPI, 2. Version, 11. März 2006. Dieser Text ist “Copyleft” und unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Die Bestandteile und der gesamte Text dürfen frei kopiert, verwendet und verändert werden unter folgenden Bedingungen: Alle darauf aufbauenden Werke müssen in diesem Sinne frei sein und ebenfalls unter dieser Lizenz veröffentlicht werden. Zudem sollte eine Quellenangabe nicht fehlen. Die Lizenz ist nachlesbar unter http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0.